Je teurer der Grund und je dichter die Bebauung, desto stärker bestimmt der Platzbedarf die Technik eines Umspannwerks. In Mumbai hat ein Netzbetreiber daraus die Konsequenz gezogen und einen neuen 220-kV-Transformator in eine bestehende Anlage integriert, statt eine zusätzliche Fläche zu erwerben. Möglich wurde das unter anderem durch die Wahl der Isolierflüssigkeit.
Das Netz
Adani Electricity Mumbai Ltd (AEML) gehört zur Adani-Gruppe und ist ein integrierter Versorger, der in Mumbai Erzeugung, Übertragung und Verteilung betreibt. Die Übertragungssparte unterhält acht Umspannwerke der Höchstspannungsebene 220 kV mit einer Umspannleistung von zusammen 3.250 MVA und rund 572 Stromkreiskilometern 220-kV-Leitungen. Fünf der acht Anlagen sind als kompakte, vertikal aufgebaute gasisolierte Schaltanlagen ausgeführt – eine Bauweise, die dort gewählt wird, wo Fläche knapp ist.
Die Aufgabe
In Mumbai sind die Grundstückspreise die höchsten Indiens. AEML entschied sich deshalb, einen zusätzlichen Transformator in ein bestehendes Umspannwerk einzufügen. Die Einheit mit 125 MVA bei 220 kV wurde im März 2021 von Siemens in Mumbai gefertigt und in Betrieb genommen. Netzbetreiber, Hersteller und das technische Team des Flüssigkeitsherstellers arbeiteten dabei eng zusammen, denn zwei Anforderungen standen nebeneinander: Die Einheit musste die Werksabnahmeprüfung bestehen und als langfristige Investition eine höhere Nutzungsdauer erreichen als ein vergleichbarer Mineralöltransformator.
Warum synthetischer Ester
AEML schrieb für den neuen Transformator ausdrücklich einen synthetischen Ester vor. Ausschlaggebend waren nach Angaben des Betreibers fünf Punkte:
- Brandsicherheit mit einem Brennpunkt über 300 °C
- Ein Heizwert von 30,8 MJ/kg
- Höhere Oxidationsstabilität
- Umweltschutz durch biologische Abbaubarkeit
- Die betriebsbewährte Einsatzhistorie von Shell MIDEL 7131 in Leistungstransformatoren weltweit
In einem dicht besiedelten Stadtgebiet wiegt der erste Punkt am schwersten. Eine Flüssigkeit der Brandklasse K nach IEC 61100 verändert die Gefährdungsbeurteilung für die Nachbarschaft grundlegend, weil sie unter den Bedingungen eines Transformatorfehlers nicht wie Mineralöl mit einem Brennpunkt um 170 °C reagiert.
Erster 220-kV-Ester in Indien
Mit dieser Einheit ist AEML der erste Netzbetreiber Indiens, der einen synthetischen Ester in einem 220-kV-Transformator einsetzt. Neben dem Brandschutz nennt der Betreiber zwei betriebliche Vorteile, die sich erst über die Jahre zeigen: Die deutlich höhere Feuchtetoleranz hält den Transformator länger in gutem Zustand, weil eindringendes Wasser die feste Isolierung weniger belastet – in einem heißen und feuchten Klima wie dem von Mumbai ein erheblicher Faktor. Und die hohe Oxidationsstabilität senkt das Betriebsrisiko dort, wo die klimatischen und netzseitigen Bedingungen anspruchsvoll sind. Mehr dazu im Beitrag zur Feuchtetoleranz von Estertransformatorflüssigkeiten.
Was deutsche Netzbetreiber daraus ziehen können
Die Randbedingungen – alternde Anlagen, teure Flächen, wachsende Lasten im Siedlungsbereich, steigende Nachhaltigkeitsanforderungen – sind hierzulande dieselben. Wer ein innerstädtisches Umspannwerk verdichtet statt verlagert, spart nicht nur den Grunderwerb, sondern auch das Genehmigungsverfahren für einen neuen Standort. Die Isolierflüssigkeit ist dabei einer der wenigen Stellhebel, die zugleich auf Brandschutz, Abstandsflächen und Umweltauflagen wirken. Hinweise dazu unter Brandschutz.
Wenn Sie eine Verdichtung im Bestand oder eine Neubeschaffung in der Hochspannungsebene vorbereiten: Wir unterstützen bei der technischen Spezifikation und klären mit dem Transformatorhersteller die konstruktiven Punkte vorab. Sprechen Sie uns an.